(Keine) Solidarität im digitalen Gesundheitswesen

Im digitalen Gesundheitssystem müssen Patient*innen vermehrt evidenzbasierte Gesundheitsinformationen verstehen, entsprechend handeln und ihre eigenen Daten managen. Menschen, die diesen Trend nicht mitmachen, könnten künftig von Nachteilen betroffen sein. Ein Schritt in Richtung Entsolidarisierung?

Arzt oder Ärztin zeigt Patienten etwas auf einem Laptop

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„Jeder Mensch hat das Recht auf Zugang zur Gesundheitsvorsorge und auf ärztliche Versorgung nach Maßgabe der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften und Gepflogenheiten“, heißt es in der Grundrechtecharta der Europäischen Union. Es ist die Basis eines Gesundheitswesens, das auf Solidarität beruht. In Deutschland wird dieses Solidarprinzip von den gesetzlichen Krankenkassen umgesetzt: Entgegen des kapitalistischen Gedankens, dass jene, die mehr Leistung erbringen, auch Vorteile davon haben, erhält Gesundheitsleistungen jede*r nach seinen oder ihren Bedürfnissen. Eine Errungenschaft, die durch Digitalisierungstendenzen im Gesundheitswesen zu bröckeln beginnen könnte.

Das Gesundheitssystem als Erziehungsunternehmen

Schrittzähler, um sich selbst zur Bewegung zu motivieren. Geschwindigkeits- oder Pulsmesser, die Sportler*innen helfen, ihre Fitness zu kontrollieren. Aber auch Apps für bestimmte Erkrankungen, die bei Diabetes, Bluthochdruck und anderen chronischen Krankheiten den Alltag unterstützen sollen. All diese Apps und Wearables zielen darauf ab, Menschen zu befähigen, bewusster mit ihren Körper umzugehen. Die idealen Patient*innen im digitalen Gesundheitswesen seien nicht nur in der Lage, evidenzbasierte Gesundheitsinformationen zu verstehen und entlang dieser zu handeln, sie können auch ihre eigene Daten managen, sagt Humangenetikerin, promovierte Sozialwissenschaftlerin und Professorin Silja Samerski: „Das Gesundheitssystem verwandelt sich in ein großes Erziehungsunternehmen mit dem Ziel, Menschen dabei anzuleiten, sich selbst und ihre Gesundheit nach den Vorgaben des Gesundheitssystems zu verstehen und zu managen“. Wird dieser Umgang mit den entsprechenden Technologien zur Voraussetzung für den Zugang zum Gesundheitswesen, werden Menschen, die sich nicht in der digitalen Welt bewegen wollen oder können, ausgeschlossen. All jene, die ihre Gesundheit nicht managen und Risiken nicht durch einen entsprechenden Lebensstil minimieren, könnten künftig von Nachteilen betroffen sein, befürchtet Samerski.

Bereits jetzt gibt es in Deutschland Krankenkassen, die mit Prämiensystemen arbeiten: Die Versicherten können Prämienpunkte sammeln, indem sie über Fitness-Tracker ihre sportliche Aktivität nachweisen. Andere wiederum bieten spezielle Boni-Programme für Versicherte an, die sich einen Fitness-Tracker kaufen.

Der Blick richtet sich auf das Verhalten statt auf Verhältnisse

Bild von Ingrid Schneider

Ingrid Schneider ist Professorin für Politikwissenschaft. Sie lehrt und forscht im Fachbereich Informatik an der Universität Hamburg im Arbeitsbereich Ethik in der Informationstechnologie. Copyright: Privat.

Doch ein Bonus für manche bedeutet auch immer ein Malus für den Rest, erklärt die Politikwissenschaftlerin und Professorin Ingrid Schneider. Sie lehrt und forscht im Fachbereich Informatik an der Universität Hamburg im Arbeitsbereich Ethik in der Informationstechnologie. Auf Dauer könne so ein Prämiensystem finanziell nur funktionieren, wenn Menschen mit einem höheren Erkrankungsrisiko mehr zahlen, so Schneider weiter. Gleichzeitig müssten auch andere Versicherungen diesem Trend folgen, damit sich das Versicherungssystem in Deutschland nicht aufsplittet – zwischen jenen, die Prämien für die Übermittlung ihrer Tracking-Daten und für einen gesünderen Lebensstil erhalten und jenen, deren Risikoprofil als schlecht bewertet wird. „Wir haben bisher ein Versicherungssystem, das auf Solidarität aufbaut, auf die Solidarität der Starken mit den Schwachen. Dieses Solidarmodell kann über solche Prämienmodelle und über die Individualisierung von Risiken zum Kippen gebracht werden“, sagt Schneider.

Denn vergessen wird bei der Umsetzung dieser Bonusprogramme, dass es nicht reicht, sich gut zu ernähren, sich zu bewegen oder mit dem Rauchen aufzuhören. Gesellschaftliche Benachteiligungen beeinflussen die Gesundheit von Individuen: Ob Menschen sich eine gesunde Wohnung leisten oder ob sie gute Luft atmen können, sind beispielsweise Faktoren, die zentral für die Gesundheit sind, aber nicht berücksichtigt werden. So werden arme Menschen durch ihre schwierigeren Lebensumstände häufiger krank als andere. „Ein Problem ist, dass sich der Blick sehr stark auf das individuelle Verhalten statt auf die Verhältnisse richtet. Armut wird ignoriert. Stattdessen wird ein blaming the victim betrieben. Die Mittelschicht, die sich ohnehin mehr selbst diszipliniert, zeigt mit dem moralischen Zeigefinger auf die anderen und erhöht sich damit selbst. So vertieft man Gräben in der Gesellschaft“. Menschen, die bereits benachteiligt sind, werden noch stärker benachteiligt. Langfristig kann dies zu mehr sozialer Ungleichheit und zu einer gesellschaftlichen Kluft führen.

Solidaritäts-Debatten dürfen nicht technisch verengt werden

Um dem entgegenzuwirken, müssen sich laut Samerski große Organisationen im Gesundheitswesen sowie die Gesundheitspolitik auf grundlegende Prinzipien einigen. Prinzipien, die nicht gegen Forschungsinteressen, ökonomische Interessen, Kostendruck oder Gesundheitsstreben abgewogen werden dürfen, fordert  Samerski: „Dazu zählt die unbedingte Beibehaltung des Solidarprinzips, ohne Kompromisse. Daher sollten die Bonusprogramme der Krankenkassen wieder abgeschafft werden. Außerdem darf Therapietreue niemals durch Nudging oder Benachteiligungen erzwungen werden. Und die Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrechte müssen in einem digitalen Gesundheitssystem gezielt geschützt werden.“

Gleichzeitig muss laut Schneider das gesamte Gesundheitswesen bestehenden Ungleichheiten entgegenwirken. Das Ziel sollte sein, einen Ausgleich zwischen Überversorgung, von der meist Privatversicherte und wohlhabendere Menschen betroffen sind, und Unterversorgung, die oftmals ärmere Menschen mit weniger Wissen betrifft, zu schaffen. Erreicht werden kann dies durch konkrete Maßnahmen im bestehenden Gesundheitswesen wie einer besseren Verteilung von Ärzt*innen – auch in ärmeren Gegenden. Auch der Einsatz von Migrant*innen als medizinisches Fachpersonal baut Hürden für benachteiligte Gruppen ab. Die Frage, wie Solidarität im Gesundheitswesen sowohl beibehalten als auch besser umgesetzt werden kann, dürfe nicht technisch verengt werden, so Schneider abschließend: „Ich habe ein wenig die Besorgnis, dass man durch die Digitalisierung sehr viel Geld in die Technik steckt und die sprechende Medizin mit guter Arzt-Patient*in-Kommunikation noch mehr in den Hintergrund gerät.“

Der Artikel entstand im Rahmen des Tutzinger Diskurses “Big Data im Gesundheitswesen” an der Akademie für politische Bildung in Tutzing.

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