„Wir lehnen den Begriff Integration ab“

Jeder Mensch soll in seinem Bedürfnis nach sozialer Teilhabe unterstützt werden und zwar unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter und anderen sozialen Kategorien. So die zentrale Forderung des Tutzinger Diskurses „Wege der Integration“.

Gruppenbild des Tutzinger Diskurs Wege der Integration

Gruppenbild des Tutzinger Diskurs Wege der Integration

 

Am Anfang stand die Begriffskritik. Und am Ende ein rund 60 Seiten starkes Policy-Paper, das eine gesamtgesellschaftliche Inklusion fordert. „Wege der Integration“, so nennt sich das mittlerweile vierte Diskursprojekt der Akademie für Politische Bildung in Tutzing (Bayern). Im Jänner 2018 trafen sich die 15 Diskurs-Teilnehmer*innen aus Praxis und Wissenschaft zum ersten Mal. Eine interdisziplinäre Gruppe, die sich auf vielfältige Weise mit den Themen Migration und Flucht beschäftigt und bei den insgesamt fünf Workshops eine Ideensammlung verfasste, die nun an das Bayerische Staatsministerium für Inneres und Integration übergeben wurde. Das Kernstück ihrer Forderungen, weg von Integrationsforderungen und hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Inklusion, sollte auch in Österreich Eingang in die Diskurse rund um Migration, Flucht und Integration finden.

Von der Integration zur Inklusion

„Bereits ganz am Anfang sind wir über den Begriff der Integration gestolpert und stellten fest, dass dieser für uns nicht so passend ist“, mit diesen Worten eröffnet Uwe Kraus die Pressekonferenz am 20. November, in der das Paper und die Forderungen vorgestellt wurden. Der Sozialarbeiter ist als Leiter der Sozialen Dienste beim Diakonischen Werk Schweinfurt e.V. für die Bereiche Migration und allgemeine Sozialarbeit zuständig. Schon beim ersten Treffen stand für ihn und die anderen Diskurs-Teilnehmer*innen fest, dass Integration gar nicht das Konzept ist, das den Weg in ein gutes und gerechtes Zusammenleben fördert.

„Wir lehnen den Begriff Integration ab, weil er defizitorientiert verwendet wird“, erklärt auch die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forschungsprojektes MIDEM (Mercator Forum Migration und Demokratie) Ann-Christin Damm. Ihr Kollege Simon Goebel fügt hinzu: „Wir wollen Inklusion, damit wir aufhören, Menschen nach bestimmten Kriterien einzuteilen. Dafür müssen wir den gesamten Menschen wahrnehmen. Das bedeutet auch, dass wir gesellschaftliche Strukturen benötigen, die allen Personen gemäß ihren Bedürfnissen gerecht werden.“

Zugänge für alle Menschen schaffen

Dass ebendiese Strukturen in vielen Bereichen fehlen, weiß er aus seiner täglichen Arbeit: Als Referent zu Asylrecht im Kontext des Arbeitsmarktzugangs von Geflüchteten bei Tür an Tür – Integrationsprojekte gGmbH in Augsburg, stoßt Goebel immer wieder auf Barrieren. Eine zentrale Forderung ist daher den Zugang zu Integrationsmaßnahmen, zu Bildung, zu Arbeit und Praktika für alle zu öffnen. „Wir glauben, dass das ein wichtiger Punkt ist, um in einer Gesellschaft, in der Arbeit zentral ist, Anerkennung zu bekommen und selbstbestimmt leben zu können“, so Goebel weiter.

Auch in Österreich hängt die Arbeitserlaubnis vom Aufenthaltsstatus ab. Für Asylwerber*innen ist der Zugang beispielsweise stark eingeschränkt. Diese dürfen nur einer zeitlich begrenzten Saisonarbeit im Tourismus und in der Landwirtschaft nachgehen. Laut Goebel sind solche Ausschlusskriterien nicht nur volkswirtschaftlich schädlich, sondern auch sozialpolitisch, da sie den gesellschaftlichen Frieden gefährden.

Dafür braucht es jedoch noch viel mehr. Durch den Paradigmenwechsel von der Integration zur Inklusion, ergeben sich für die Diskurs-Gruppe Forderungen, die eben nicht an Migrant*innen gerichtet sind, sondern an die Gesamtgesellschaft. Statt an Migrant*innen gerichtete Anpassungsforderungen brauche es Strukturen und Institutionen, die sich an die Einwanderungsgesellschaft anpassen – also an eine diversitätssensible und nicht-demütigende Gesellschaft, in der Vielfalt wertgeschätzt wird. Das heißt auch, dass Zugänge und Maßnahmen flexibel gestaltet werden, um allen Menschen Teilhabe zu ermöglichen – egal, ob es sich um Menschen mit Behinderung, um LGBTQI*-Personen oder um immigrierte Mütter handelt.

Von der Wertevermittlung zur Wertebildung

Außerdem müsse beim Thema Migration nicht auf Defizite fokussiert, sondern die Kompetenzen in den Mittelpunkt gerückt werden. Migrant*innen sollten stärker als Expert*innen, zum Beispiel als Sprach- und Kulturmittler*innen, eingesetzt werden. Auch in der Vermittlung von Werten, zeige sich diese Defizitorientierung: „Wir lehnen Wertevermittlung ab. Bei Werten handelt es sich nicht um ein Wissen, das theoretisch im Rahmen der Integrationskurse für Migrant*innen vermittelt werden kann. Wir wollen stattdessen eine Wertebildung, die als Schulfach verankert einen gemeinsamen Dialog ermöglicht“, erklärt Damm.

Auch in Österreich stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, Werte als etwas zu begreifen, das Migrant*innen grundsätzlich fehlt und allen Österreicher*innen ohne Migrationshintergrund scheinbar in die Wiege gelegt wird. Wirft man beispielsweise einen Blick auf den Begriff der Demokratie, sprachen sich 2014 im Rahmen einer repräsentativen Studie 29 Prozent der österreichischen Bevölkerung gegen Demokratie und für einen „starken Führer, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss“, aus. 2018 lag dieser Wert nur noch bei 18 Prozent, wie der Österreichische Demokratie Monitor zeigte, aber auch das sind 18 Prozent zu viel. Die Befürwortung eines „starken Führers“ geht dabei häufig mit einer schlechten finanziellen Absicherung, mit einer fehlenden Aufstiegshoffnung und geringen Sozialkapital einher.

Eine Möglichkeit, dies zu ändern, findet sich erneut im Paper des Tutzinger Diskurses: Es brauche „eine Politik des sozialen Ausgleichs, die allen Gesellschaftsmitgliedern zugutekommt, um sozialer Ungleichheit und Ressentiments entgegenzutreten und Teilhabechancen für alle zu ermöglichen“. Konkret benötigt es Unterstützungsangebote in Bereichen wie Wohnen, Arbeit und Bildung oder der Versorgung im Alter. Die vor kurzem beschlossene Kürzung der Mindestsicherung, die nicht nur Flüchtlinge und Migrant*innen, sondern auch viele Österreicher*innen trifft, kann wohl kaum als eine solche Politik des sozialen Ausgleichs verstanden werden. Neben Geflüchteten fallen auch Familien mit mehreren Kindern oder Menschen ohne Pflichtschulabschluss in jene Gruppe, die künftig weniger Mindestsicherung erhalten sollen.

 

Ich durfte den Tutzinger Diskurs als journalistische Stipendiatin begleiten. Die Ideensammlung des Tutzinger Diskurses können Sie hier herunterladen. Im Magazin finden Sie eine Auswahl der Beiträge, die ich für das Diskursprojekt verfassen durfte. Die Online-Version finden Sie hier.

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