„Der gesamte Fluchtweg ist gewaltsam“

Die Stimmen von Geflüchteten im aktuellen Diskurs über Flucht und Migration hörbar zu machen – das ist das Ziel des Forschungsprojektes von Hamza Safouane. Dafür hat der Sozial- und Politikwissenschaftler Safouane Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan, die zwischen 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, über ihre Flucht nach Europa interviewt. Ein Gespräch über die verschiedenen Formen von Gewalt, die Geflüchtete sowohl in ihrem Herkunftsland erfuhren als auch auf der Flucht und beim Ankommen in Deutschland.

Hamza Safouane, Copyright: Miriam Günther

Wie kamen Sie auf die Idee, das Forschungsprojekt zu machen?

Die Idee begann mit einer Literatur-Recherche zu Migrationsforschung: Ein großer Schwerpunkt liegt auf einer selbstbezogenen Perspektive zu Migration. Das heißt, es dreht sich um die Integration von Migrant*innen, um den ganzen utilitaristischen Diskurs, welchen Nutzen Migrant*innen haben, aber auch welche Unsicherheiten sie bringen, welche Probleme es zu lösen gibt, wenn sie in die Aufnahmeländer kommen. Die Perspektive der Migrant*innen selbst, ihre eigene Anschauung zu Mobilität und ihrem Migrationsprozess geht verloren. Die Version der Migrant*innen – was ich eine demokratischere Version nennen würde – wird vergessen. Natürlich haben die Länder das Recht danach zu fragen, was ihnen Migrant*innen bringen. Es sollte aber nicht jede Debatte darauf reduziert werden, was Migration einem Staat bringt, wie demographische Probleme dadurch gelöst werden können oder ob Migration qualifizierte Arbeiter*innen für den Arbeitsmarkt bringt. Sobald das gemacht wird, etabliert man eine Hierarchie unter Migrant*innen. Daher war es mir wichtig, einen Beitrag zu dieser subjektiven Perspektive zu leisten.

Dafür haben Sie sich den Weg der Migrant*innen vom Aufbrechen im Herkunftsland bis zum Ankommen im Aufnahmeland angesehen. Was waren Ihre zentralen Ergebnisse?

Dieser Weg kann in verschiedene Momente aufgegliedert werden. Im Herkunftsland oder im derzeitigen Aufenthaltsort gibt es den Moment des Triggers, wie ich ihn nenne: Es gibt einen Entscheidungsprozess, der die Diskussion mit Anderen, die Erwartungen, die Vorbereitung beinhaltet. Dann gibt es die körperliche Abreise und den Weg bis zur Ankunft im Aufnahmeland. Hier gibt es ganz andere Hindernisse: Zum Beispiel geographische Hindernisse, die Gegenwart von Schleppern, die Grenzen und den ganzen Apparat der Migrationskontrolle, aber auch Gefahren von anderen Migrant*innen und natürlich das Überqueren des Mittelmeers. Und dann gibt es den letzten Moment, die Phase der Ankunft. Oft gibt es die Annahme, dass, sobald jemand im Aufnahmeland ankommt, die Person in Sicherheit und die Reise vorbei ist. Empirisch gesehen stimmt das aber nicht. Die Ankunft bringt ganz andere Hindernisse und Schwierigkeiten mit sich: Die Personen müssen natürlich ihren legalen Aufenthaltsstatus erhalten. Es gibt sozioökonomische Schwierigkeiten. Aber vor allem geht es darum, wieder ein normales Leben aufnehmen zu können. Das heißt, die Erwartungen der Migrant*innen sind ziemlich banal: Viele wollen einfach Normalität.

Kommen wir nochmal zurück zum Trigger: Wie verläuft dieser Entscheidungsprozess, das Land zu verlassen?

Bei Flüchtlingen wird oft davon ausgegangen, dass sie von Verfolgung, von bewaffneten Konfliktzonen fliehen. Das sind reale Bedrohungen. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt und zwar den totalen Zusammenbruch des wirtschaftlichen Gefüges in dem Land, in dem sie sich befinden. Sie können nicht einfach studieren, arbeiten und für ihre Familie sorgen. Es gibt also sowohl die physischen Bedrohungen als auch diese sozioökonomischen Bedrohungen. Die Migrant*innen sagten mir oft, dass sie irgendwann das Land, in dem sie lebten, nicht mehr als vertrauten Ort wahrgenommen haben. Das Land wurde zu einem gefährlichen Ort, der nicht mehr für die eigene Sicherheit oder für eine Lebensgrundlage garantieren konnte. In der Sprache der Migrant*innen merkte man, dass das Land für sie weniger real und greifbar wurde. Es wurde mehr zu einer Utopie. Viele Syrer*innen sprachen über ein Syrien aus ihrer Kindheit, in der das Land florierte. Ein Aspekt der Entscheidung ist daher, dass die Menschen an einen Ort wollen, wo sie diese Art von Normalität wiedererlangen können. Ganz konkret kann man jedoch sagen, dass der Trigger der Punkt ist, an dem die Gefahren der Flucht, die allen bekannt sind, nicht mehr abschreckend genug sind im Vergleich zu den Gefahren und der Fremdheit der eigentlich „normalen“ Umgebung. Der Trigger ist auch nicht unbedingt ein Ereignis, es muss kein Haus abgebrannt oder kein Verwandter gestorben sein. Es ist mehr ein Gefühl, hier nicht mehr weitermachen zu können, das immer erdrückender wird.

In Ihrer Forschung arbeiten Sie auch mit dem Begriff der Gewalt. Können Sie darauf genauer eingehen?

Es geht darum, dass diese Wahrnehmung, dass Zwangsmigration eine Bewegung aus der Gefahr in die Sicherheit ist, nicht stimmt. Der gesamte Fluchtweg ist gewaltsam. Dabei spreche ich nicht nur von physischer Gewalt. Es gibt eine strukturelle, epistemische Gewalt, die den gesamten Migrationsprozess, also auch die Ankunft im Aufnahmeland, begleitet. Das sind unterschiedliche Arten von Gewalt: Im Herkunftsland ist es nicht die imminente Gewalt, die bedrohlich ist. Die meisten erwarten nicht, dass Milizen in ihr Haus stürmen und anfangen loszuschießen. Es geht um eine Atmosphäre der Gewalt, die andauernd da ist und schwer auf den Schultern lastet. Während der Flucht gibt es mehr imminente Gewalt: Beim Überqueren des Mittelmeers weißt du nicht, ob du ertrinken wirst. Es gibt auch viel Gewalt von Schleppern, die die verletzliche Situation der Geflüchteten ausnutzen.

Und in Deutschland? Wie gestaltet sich die Gewalt im Aufnahmeland?

In Deutschland bezieht sich ein Aspekt der Gewalt auf das Ignorieren von Traumatisierungen, unter denen viele Migrant*innen leiden. Viele Migrant*innen erzählten mir, dass sie im Laufe des Asylverfahrens ihre Traumatisierung erneut erlebten, weil sie die Beamt*innen davon überzeugen müssen, dass sie Opfer von Verfolgung sind. Das fügt Gewalt zu und es ist schwierig, die Traumatisierung zu bewältigen, wenn sie wiederholt aufkommt. Es gibt auch strukturelle Gewalt, zum Beispiel sozioökonomische Unsicherheiten, den Bildungsweg nicht wieder aufnehmen zu können, keine gute Arbeit oder keine angemessene Wohnung zu finden. Natürlich gibt es auch physische Gewalt im Aufnahmeland, aber mich interessiert mehr diese weniger dramatische Gewalt, weil sie oft ignoriert wird. Deswegen ist es wichtig, die Stimmen von Migrant*innen zu hören, um diese unterschiedlichen Gewalterfahrungen aus deren Perspektive betrachten zu können.

Wie sollten Ihre Ergebnisse die Asyl- und Migrationspolitik in der EU beeinflussen?

Die Idee hinter meiner Forschung ist, den Migrationsdiskurs zu ändern: Das heißt, wir müssen weg von der Dichotomie zwischen Gewalt und Sicherheit. Auch das Desinteresse an allem, was zwischen der Abfahrt und der Ankunft passiert, ist problematisch. Natürlich sollte das helfen, die Migrationspolitik zu aktualisieren. Während des gesamten Migrationsprozesses sollte daher Schutz bereitgestellt werden und dieser Schutz muss an die unterschiedlichen Vulnerabilitäten der Migrant*innen angepasst werden.

Zur Person: Hamza Safouane promovierte im Februar 2018 in „Planning, Governance and Globalization“ an der Virginia Polytechnic Institute and State University („Governing migrants in the European Union: A critical approach to interrogating migrants‘ journey narratives“). Seit Juli 2017 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Migrationsforschung, Fluchtursachenforschung, kritische Diskursanalyse, Ethnographie und Raumtheorie.

Das gesamte Interview (Sprache: Englisch) ist auch als Video verfügbar:

https://www.youtube.com/watch?v=08xYdeCgjRY

 

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