Jesidinnen und ihr verlorenes Leben

„What the wind took away“ begleitet zwei jesidische Frauen in einem türkischen Flüchtlingscamp und gibt ihnen so eine Plattform, um von ihrem verlorenen Leben, von den Erinnerungen an die Flucht und von Verwandten, die vom IS gefangen genommen wurden, zu erzählen. Ich sprach mit den Filmemacher*innen Martin Klingenböck und Helin Celik.

Martin Klingenböck und Helin Celik im Gespräch

Martin Klingenböck und Helin Celik, Fotos: Benjamin Storck

Naam und Hedil. Zwei Frauen, die einige Dinge gemein haben: Sie sind Jesidinnen – eine ethnische kurdische Gruppe, die an den Engel Melek Taus glaubt. Beide flüchteten 2014 mit ihrer Familie von der nordirakischen Region Sinjar über die Berge in die Türkei. Konkret: In das Refugee Camp Fidanlik, nahe der kurdischen Stadt Diyabakir. Dort erzählen sie den Filmemacher*innen Helin Celik und Martin Klingenböck von ihrem verlorenen Leben, von den Erinnerungen an die Flucht und von Verwandten, die vom IS getötet oder gefangen genommen wurden. Seit dem Sommer 2014 sind Jesid*innen Opfer eines anhaltenden Genozids. Laut dem UN-Menschenrechtsrat wurden Mädchen und Frauen von der Terrormiliz IS missbraucht, versklavt und verkauft, kleine Jungen zu Kämpfer ausgebildet und Männer, die nicht zum Islam konvertierten, massenhaft exekutiert. Der Film „What the wind took away“ begleitet die zwei Jesidinnen Naam und Hedil und gibt ihnen eine Plattform, um von ihren Erlebnissen zu erzählen.

 

Die Situation der Jesid*innen ist in Europa etwas in Vergessenheit geraten. Wie habt ihr euch dazu entschieden, einen Film über Jesid*innen, speziell über die Frauen, zu machen?

Helin Celik: Ich komme aus einem Ort im Nahen Osten und habe immer wieder zum Frauenbild im Nahen Osten gearbeitet – meist im Rahmen von Theaterprojekten. Eigentlich war mein Plan etwas über das Frauenbild in Palästina zu machen, wo Frauen einerseits unterdrückt und andererseits sehr stark sind. Bei diesem Thema hatte ich das erste Mal das Gefühl eine andere Kunstform verwenden zu müssen und entschied mich für den Film. Martin und ich beschlossen jedoch, ein aktuelleres Thema zu behandeln. Da ich als Kurdin einen familiären Bezug zu dem Thema hatte, kamen wir auf die Jesidinnen, wo die Frauen – ohne es vergleichen zu können – auf eine andere Art und Weise unterdrückter sind. Nicht nur durch die Tradition, durch das Patriarchat, sondern auch durch die Religion.

Gleichzeitig betonen die Frauen im Film ihre Unabhängigkeit – auch im Vergleich zu anderen jesidischen Frauen. Handelt es sich bei den Protagonistinnen nicht eher um „Ausnahmen“ in Bezug auf das Frauenbild?

Helin Celik: Das ist der Grund, wieso Naam und Hadil im Film sind. Wir hätten auch gerne andere Protagonistinnen im Film gehabt. Das klappte jedoch nicht, da sie am Ende nicht gefilmt werden wollten oder ihre männlichen Familienmitglieder etwas dagegen hatten. Wir haben den Fokus aber auch auf die zwei Protagonistinnen gelegt, weil sie sehr starke Frauen sind.

Martin Klingenböck: Es war ein sehr langer Prozess, die Frauen zu finden. Ein Drittel der Drehzeit haben wir damit verbracht, Protagonistinnen zu finden. Zehn Tage lang sind wir ohne Kamera, ohne Equipment von Zelt zu Zelt gegangen, um nach Familien zu suchen. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Tee getrunken und so viel Zucker zu mir genommen.

Ihr habt einen Monat in Fidanlik gedreht, einem türkischen Refugee Camp für Jesid*innen. Wie gestaltete sich eure Ankunft dort?

Martin Klingenböck: Für mich war es sehr emotional und ich erlebte ein Gefühl der Machtlosigkeit. Ich fragte mich, wieso die Situation für die Leute so ist wie sie eben ist und wie ich helfen kann. Wenn man einen Film über die Erlebnisse dieser Menschen macht, fängt man an zu zweifeln. Man fragt sich, ob das überhaupt okay ist. Das, was sie erlebt haben ist so viel größer als einen Film darüber zu machen. Und du weißt, dass das genauso du sein könntest. Sie haben uns Fotos gezeigt, wie so noch vor ein paar Monaten glücklich waren, Geld und einfach ein normales Leben hatten. Jetzt leben sie zu sechst in einem kleinen Zelt. Gleichzeitig wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Obwohl ich die Sprache nicht spreche, habe ich sofort eine gegenseitige Empathie gespürt.

Helin Celik: Und das obwohl Martin erstens ein Mann und zweitens ein Europäer ist. Ich glaube, dass das auch so war, weil er nicht sofort mit der Kamera auf die Menschen zugegangen ist. Sondern durch Augenkontakt und Gestik gezeigt hat, dass er als Gast da ist und ehrlich interessiert an ihren Geschichten ist.

Martin, du hast bereits diese Machtlosigkeit angesprochen. Ist es tatsächlich möglich diese beobachtende Rolle mit der Kamera beizubehalten oder will man es irgendwann lassen, um zu helfen?

Martin Klingenböck: Dieses Thema hat uns andauernd begleitet. Ich dachte zwar einerseits, dass der Film vielleicht ein wenig helfen kann. Aber andererseits war auch der Gedanke da, auf den Film zu scheißen. Es würde den Menschen viel mehr helfen, wenn ich ihnen das Fördergeld gäbe und wieder nach Hause fahren würde.

Helin Celik: Wir hatten einen enormen emotionalen Kampf und wurden die ganze Zeit von diesem Dilemma begleitet. Was ich am schwierigsten fand, war am Ende des Tages das Camp zu verlassen und in unserem Hotel zu schlafen oder am Ende des Films zurück nach Europa zu fliegen. Wir haben sehr darunter gelitten, da wir mit den Familien befreundet waren und sehr viel Zeit mit ihnen verbracht haben. Sie haben uns vertraut, wir haben ihnen vertraut und doch gab es immer einen Abstand.

Martin Klingenböck: Man kann es auch gar nicht genießen, am Abend ins Hotel zu fahren. Und trotzdem mussten wir es machen, um nicht kaputt zu werden.

Trotz der unglaublichen Geschichten, die die Familien erlebt haben, wirkt das Leben im Camp vom Alltag geprägt. Kann es so etwas wie Alltag überhaupt wieder geben, nachdem die Menschen so viel verloren haben – sowohl Besitz, als auch geliebte Menschen und eigentlich auch das einstige Leben? 

Martin Klingenböck: Durch diesen Film wollten wir zeigen, dass ein gewisser Alltag entstehen muss. Es ist ein Prozess für die Geflüchteten im Camp, dass sie sich mit der Situation dort irgendwie abfinden müssen. Sie leben in einem Zwischenstadium und können weder vor noch zurück.

Helin Celik: Ich denke auch, dass nach so viel Passierendem, ein ruhiger Alltag genau das ist, was ein Mensch braucht. Es gibt sehr viel Reflexion, sehr viel Verarbeitung und sehr viel Sehnsucht nach einer Beschäftigung. Sie legen ein Gemüsebeet an, bauen eine Dusche. Das alles ist nichts anderes als Verarbeitung. Und dafür braucht es viel mentalen und emotionalen Raum, damit sie gesund und hoffnungsvoll ihr Leben weiterleben können.

Im Film erfährt man, dass eine Familie weiter nach Deutschland flüchtete. Seid ihr jetzt noch in Kontakt mit den Familien? Wenn ja, wie schaut ihr Leben heute aus?

Helen Celik: Das ist nochmal eine ganz eigene Geschichte. Als wäre die Flucht vom Irak in die Türkei nicht genug, haben sie auch nach Deutschland eine sehr schwierige Flucht erlebt. Schließlich haben Naam, ihr Ehemann und ihre vier Kinder es nach Deutschland geschafft und dort Asyl erhalten. Wir haben sie in Brüssel bei einem Screening im europäischen Parlaments  getroffen und gemerkt, dass es ihnen sehr gut geht.

Martin Klingeböck: Diese Wiederbegegnung war für mich emotional eines der schönsten Erlebnisse im Rahmen des Films. Die Familie hat uns total herzlich begrüßt und umarmt. Ich konnte das erste Mal verbal mit ihnen kommunizieren und es war so schön zu sehen, dass sie lachen können.

Am Ende des Films heißt es, dass Sinjar 2015 von kurdischen und jesidischen Militärkräften befreit wurde, die Situation jedoch nach wie vor unklar ist. Wie schaut es heute aus?

Helen Celik: Das Refugee Camp ist geschlossen, weil die türkische Regierung die Kontrolle übernommen hat. In Sinjar hat sich die Situation eine Zeit lang beruhigt. Natürlich war die Region nicht komplett vom IS befreit. Trotzdem sind viele Jesiden zurückgekehrt, weil es ein wenig befreiter war. Jetzt greift jedoch das türkische Militär ein und Jesiden werden erneut attackiert und umgebracht. Dadurch sind die Rückkehrer wieder auf der Flucht. Viele von ihnen sind in Camps im Nordirak. Auch Hedil und ihre Familie kehrten in den Nordirak zurück und wohnten eine Zeit lang bei Verwandten. Der Mann konnte mittlerweile nach Europa flüchten und versucht jetzt seine Familie nachzuholen.

 

„What the wind took away“ wurde im Rahmen der Ethnocineca mit dem „Austrian Documentary Award“ ausgezeichnet.

 

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