„You can’t be funnier than Trump“

Auch wenn es Monty-Python Legende John Cleese selber nicht ganz verstehen kann: Beim Sarajevo Filmfestival erhielt er das “Honorary Heart of Sarajevo”. Der Fotograf Benjamin Storck und ich waren dabei. Ein Portrait.

John Cleese erhält das “Heart of Sarajevo”, Fotos: Benjamin Storck

Aus dem Nichts heraus beginnt er immer wieder zu lachen. Oder vielleicht hustet er auch. Ist man mal 77 Jahre alt lässt sich das manchmal nicht unterscheiden. Neben dem bosnischen Nationaltheater im Freien sitzend, erzählt die „Monty Python“ Legende John Cleese dem Publikum des „Sarajevo Film Festivals“ Anekdoten aus seinem Leben, versucht sein Verständnis von Humor zu erklären. Einen Tag zuvor würdigte das größte südosteuropäische Filmfestival das Leben des John Cleese.

Sarajevo Filmfestival als „Kunst des Widerstands“

„Das ‚Honorary Heart of Sarajevo‘ geht an jemanden, der uns wahrlich zum Lachen brachte. An jemanden, der uns lehrte, dass Humor und Ironie Leben retten können. In Sarajevo wissen wir das so gut“, erklärt Festival-Direktor Mirsad Purivatra die Entscheidung, den Minister des „Silly Walks“ mit den Herzen Sarajevos zu ehren. Mirsad Purivatra ist auch jener Mann, der noch während der Belagerung Sarajevos 1993 ein Kino in Sarajevo eröffnete und 1995 als „Kunst des Widerstandes“ das Festival zum ersten Mal organisierte.

„Es ist ziemlich außergewöhnlich, dass dieser Mann, während der schrecklichen Zeit der Belagerung, ein Kino eröffnete. Was für ein wunderschönes Statement darüber, was eine Person machen kann, wenn man nichts machen kann“, zeigt sich Cleese beeindruckt über die Geschichte des Festivals. Das ist auch ein Grund, wieso er berührt, wenn zugleich ein wenig beschämt darüber ist, diese Auszeichnung zu erhalten.

Beschämt vor allem aufgrund seiner Vorgänger: Zu den Empfängern des „Honorary Heart of Sarajevo“ zählen Sterne wie Robert De Niro, Martin Scorsese oder heuer – gemeinsam mit Cleese – Oliver Stone: „Oliver Stone hat 20 Filme und acht Dokumentarfilme gedreht und macht immer noch weiter. Das ist Hingabe. Ich dagegen habe im Großen und Ganzen vier Monty Python Filme gemacht“, gibt sich Cleese bescheiden.

Cleese‘ lange Biographie kurzgefasst

Ganz so stimmt das nicht: Bereits vor der Gründung Monty Pythons war Cleese als Drehbuch- und Sketch-Autor sowie als Darsteller (u.a. am Broadway) tätig. Ab 1965 begann er, gemeinsam mit einem künftigen Python-Mitglied (Graham Chapman), für die satirische TV-Sendung „The Frost Report“ zu schreiben. Hier lernte er nach und nach weitere Pythons kennen. Immer bekannter werdend im BBC-Universum, fanden sich die Pythons zusammen. Im Oktober 1969 war es soweit: Die erste Staffel von „Monty Python‘s Flying Circus“ wurde ausgestrahlt. Und ab da wird die Liste länger und länger. Neben den vier Python Filmen, schrieb und spielte John Cleese in „A fish called Wanda“ mit. Berühmtheit in England erhielt er zudem als Basil Fawlty in der Serie „Fawlty Towers“, die er gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau schrieb. Hinzu kommen universitäre Tätigkeiten, wie als Rektor an der Universität von St. Andrews, wo er unter anderem die Position und Mitbestimmung von den Studierenden stärkte.

Einen Award, der sein Leben auszeichnet kann er also ruhig annehmen, wenn auch, wie er betont, „nicht als Filmperson, sondern als Comedian. Denn wir befinden uns in einer Zeit der Weltgeschichte, in der wir Comedians mehr denn je brauchen“, ist sich Cleese sicher.

Gleichzeitig ist ihm durchaus bewusst, dass Komödien in den letzten Jahren immer platter werden. Den Grund dafür sieht er in der sich verändernden Demographie der USA. In den letzten Jahren wird versucht das Publikum in das Kino zu bringen, indem die Hauptcharaktere auf 19-jährigen, weißen Männern beruhen. „Das Problem mit US-amerikanischen weißen Männern, die 19 Jahre alt sind, ist, dass ihnen jedes Allgemeinwissen fehlt. Das bedeutet, du kannst nur Witze über eine sehr limitierte Anzahl von Themen machen“, erzählt Cleese weiter und weiter über sein – so scheint es – Lieblingsthema, nämlich wie Menschen zum Lachen gebracht werden können, wie Humor funktioniert und wie er filmisch umgesetzt wird.

Kritik des Komischen

Und welche Rolle die Kritik dabei spielt: „Bei Comedy geht es um menschliches Versagen. In diesem Sinne ist Comedy grundsätzlich kritisch, kritisch gegenüber dem menschlichen Verhalten.“ Unter anderem spielt dabei die Kritik an Politiker_innen bei vielen Comedians eine Rolle. Eine Kritik, deren Ausübung zunehmend schwieriger wird. Die Welt, die Politiker_innen werden verrückter. Eine Welt, die sich Comedians gar nicht ausdenken können. Oder wie es Cleese auf den Punkt bringt: „You can’t be funnier than Trump“.

Und doch wird es immer noch absurder: Es ist einer der Momente, in dem John Cleese in plötzliches und lautstarkes Lachen ausbricht. Das Publikum macht mit, wohl aufgrund seines ansteckenden Lachens – denn viel hat er noch nicht gesagt, außer „diese schreckliche Kreatur Rupert Murdoch“. Ihm ist eingefallen, dass dieser Murdoch Trump beraten soll. „So etwas könntest du nicht schreiben, nicht erfinden, es ist wahnsinnig“, wiederholt Cleese immer wieder.

Er wird seine Zuhöher_innen wohl noch oft mit seinem einnehmenden Lachen anstecken. Und die Frage, „ist es eine Tragödie oder eine Komödie?“, im Zweifelsfall mit Komödie beantworten. Auch wenn es um den Tod geht: „Wie schrecklich kann es sein, dass wir alle sterben? Das wäre wie zu sagen, dass es schrecklich ist, dass wir alle zwei Beine haben“, ist für Cleese auch noch im hohen Alter klar. Eine Einstellung, die wohl Comedians vorenthalten ist, zumindest, wenn man Cleese‘ Worten Glauben schenkt: „Was ich an Comedians mag, ist, dass sie eine leicht eigensinnige Haltung haben, die sehr erfrischend sein kann in einer Welt, in der es so viel konventionelles Denken gibt.“

 

Das Porträt wurde in der Progress Ausgabe 04/17 veröffentlicht und steht hier als .pdf zum Download verfügbar.

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